Staub aufwirbeln

Ich bin immer noch ein wenig "geflasht" von dieser Kneipen-Doku gestern. Hab sie jetzt schon vier- oder fünfmal laufen lassen, weil mir das Ganze auch als Hintergrundmusik gut gefällt. Diese Geräusche, die entstehen, wenn sich Gestrandete und aus der Bahn Geworfene ohne jedwede Rücksicht auf Verluste durch kontinuierlichen Missbrauch von Alkoholika und Nikotin den letzten Rest zu geben versuchen. Dann noch dieser knallhart hamburgische Zungenschlag, der mittlerweile fast vollkommen ausgestorben ist, aber in mir, dem eben jene Mundart in Kindertagen noch relativ häufig begegnete, irgendwie schwer zu beschreibende Knöpfe drückt. Suizidalsaufen ist zwar wirklich nicht mehr mein Ding, aber wie geil wäre bitte ein Abend in dieser Spelunke zu dieser Zeit?! Geiles Zeitreisenziel! Andere würden sich vielleicht zu Elvis' erstem Auftritt in Las Vegas beamen... oder zum Derby-Sieg 1977 in den Volkspark.

Ein, wie ich finde, interessanter Ansatz. Zu welcher sportlichen, künstlerischen oder sonstwie geprägten Sternstunde würdest Du dich katapultieren lassen, wenn dieses möglich wäre. lieber Leser?

Keine ganz einfache Entscheidung, schon klar. Abraten kann ich von Besuchen in Europa zwischen 1347 und 1351, 1618 und 1648 oder auch 1939 und 1945.

Um mal bei Thema Musik zu bleiben: Zunächst mal ein Beispiel für angesprochene, regionale Aussprache-Feinheiten. Freddy Quinn, der singende Seemann. Dabei hat Österreich gar keinen Zugang zum Meer. Zumindest seit 1918 nicht mehr. Seit über 60 Jahren gibt "der Junge aus St. Pauli" wirklich alles, das niederösterreichische Idiom in ein norddeutsches zu verwandeln, was ihm jedoch noch immer nicht völlig gelungen ist. Immerhin deutlich besser als das Englisch von Arnold Schwarzenegger...

Nun aber zurück zu den Sternstunden. Nämlich solchen, denen ein Publikum beiwohnte, das nicht gekommen war, um diesen Auftritt, sondern irgendetwas anderes zu sehen. In den drei folgenden Fällen ziemlich gelangweilte bis sichtlich genervte Studiobesucher in TV-Shows.

 

Beispiel Nummer eins: Kraftwerks erstes Konzert 1970 in Soest. Kulturschock für Rock 'n' Roll-Teenies:

Zweites Beispiel: Deep Purple 1970 vor Spießerpublikum. Bin jetzt - nicht zuletzt wegen der schlimmen Haartracht - kein all zu großer Fan von der Combo, aber die höhen Töne sind echt nicht ganz ohne ;) Sehr geil ist, wie sich der Barde die Lunge aus dem Hals kreischt und die Genervten bei 2:57 dreinschauen.

Nun noch ein Teil, das ich vor einiger Zeit bereits wieder entstaubt (jetzt passt auch die Überschrift...) hatte. Hubert Kah, ganz bestimmt niemand, der nennenswerte Sterne in den Himmel geschossen hätte. Doch der legendäre Auftritt im Nachthemd in der Hitparade vor dem reaktionärsten Studio-Volk der damaligen Zeit ist immer wieder köstlich.