Mannschaftsgeist

Bayern München im Pokal im Free-TV. Keine Ahnung wie Ihr das handhabt, aber ich schalte immer spätestens nach dem zwei zu null für die Roten um oder aus, weil der restliche Vortrag in der Regel derart langweilig wird, dass sich weiteres Schauen meist als vertane Zeit entpuppt.

Gestern wollte ich nach dem frühen Führungstreffer für die Dauersieger auch schon wieder den Kanal wechseln, um mir die restlichen 80 Minuten "Ball und Gegner laufen lassen, noch ein oder zwei Buden machen und dann in den Schongang schalten" partout nicht geben wollte. Glücklicherweise gaben die Fernbedienungsbatterien just in diesem Moment endgültig den Geist auf. Gepaart mit einer 51 zu 49-Entscheidung gegen ein Aufstehen samt manueller Kanalsteuerung letztendlich doch alles richtig gemacht, denn das war ja mal ein wirklich gelungener Fußballabend! Erstaunlich auch, dass diese Sportart einen auch nach Jahrzehnten noch zu überraschen und irritieren weiß.

Natürlich brauchten die Kieler das Glück des Tüchtigen, aber wie konsequent die ihre taktische Marschroute befolgt und auch in Bedrängnis immer alles spielerisch gelöst und nicht auf den langen Hafer zurück gegriffen haben, war schon erste Sahne und sah nicht wirklich zweitklassig aus.

Umso erstaunlicher, dass sich die KSV Holstein wenige Tage zuvor nicht hätte beschweren können, wenn sie ausgerechnet gegen das arg strauchelnde St. Pauli den Kürzeren gezogen hätte. Die Störche haben ja bekanntlich eine seit einiger Zeit sehr gut eingespielte Truppe, die selten grobe Schnitzer begeht. Doch der Unterschied in Sachen Motivation zwischen 08/15-Ligaspiel bei einem Tabellenvorletzten und Pokalkracher gegen die Übermannschaft schlechthin zur Prime Time ist schon signifikant. Deren Auftritt gestern zeigt zudem auch, woran es bei unserem Team seit geraumer Zeit hapert. Eine feste Formation, ein klares Konzept, Spieler, die dieses weitgehend fehlerfrei auf den Platz bringen und eine kämpferische Einstellung, mit der man auch auf dem Papier überlegenen Gegnern den Schneid abkaufen kann.

Stattdessen wechseln wir hin und her, leisten uns mitten in der Saison Torwartquerelen, die besser schon geräuschlos im Sommer hätten vermieden werden können. Es drängt sich der Eindruck auf, dass die letzten Jahre vielerorts weit besser an der Qualität des sportlichen Vortrags gefeilt wurde.

Trotzdem ist da noch der ein oder andere Funken Hoffnung, dass wir die Kurve diese Saison noch kriegen, weil die Neuverpflichtungen (plus genesenen Burgstaller) oder einfach nur der gute alte Freund Zufall sicher in Bälde für ein Erfolgserlebnis sorgen werden, das endlich für eine bessere Grundstimmung sorgen und neues Selbstvertrauen einimpfen wird. Amen.

Diese Predigt hat die (Fußball-)Bibel nun wahrlich nicht neu interpretiert, zugegeben. Sie war auch eigentlich nur die Tarnung, um zwei Bayern-Protagonisten zu loben bzw. zu diffamieren. Interviews mit Berufskickern sind generell ein sehr lästiges Prozedere. Die immer gleichen Satz- und Worthülsen, eintrainierte Phrasen, dass nicht die eigene Person von Belang sei, sondern die Mannschaft... blablabla...halt doch die Fresse!

Da lobe ich mir doch den Müller Thomas. Nicht nur, dass er ohne diese typischen "Fußballer-Tattoo-Arme" auskommt und seit Kindertagen die selbe 90er-Jahre-Frisur trägt. Nein, das Beste sind die oftmals ehrlichen Reaktionen bei Konfrontation mit dämlichen Reporterfragen, die genau so hohl sind, wie die Replik, die erwünscht wird. Spielt dann einer dieses öde Frage-Antwort-Spiel nicht mit, wird es endlich mal interessant. Ich mag den.

Die Anwesenheit von Bastian Schweinsteiger hingegen kann einen ganzen Fernsehabend in Trümmer legen. Was war ich froh, als sich der Typ erst nach Amerika und dann aufs Altenteil zurück gezogen hatte. Dann lief die ARD plötzlich Amok und musste ausgerechnet den "Schweini" als neuen Experten verpflichten. Ich will die Grausamkeit gängiger Folterpraktiken des Mittelalters bis hin zur Gegenwart wahrlich nicht relativieren, aber auch nur eine Minute der Stimme Chipsfrisch-Bastis lauschen zu müssen, ruft in meinem Körper schier höllische Schmerzen hervor, die die einer "peinlichen Befragung" gefühlt recht nah kommen. Zwar sind seine Versuche, halbwegs sinnvolle (Haupt-)Sätze zu formulieren und diese letztlich sogar zu einer Art Statement zu formen, deutlich häufiger als noch zu seiner aktiven Zeit von Erfolg gekrönt, doch lindert das die Pein leider wenig. Als die Fernbedienung noch Saft hatte, konnte ich wenigstens sofort auf stumm schalten, wenn sich die Expertenmeinung - also das, was der Moderator erst vor Sekunden erzählt hat, nochmal in hölzerner Manier wiederholt - anbahnte. Ich mag den nicht.

Hier noch die passende optische Untermalung mttels einer neuen Folge von "Bei der Geburt getrennt":