Abstieg. Kommt ja mitnichten überraschend, denn spätestens in der dritten Minute in Heidenheim war ja bereits klar, dass das mit dem Ligaverbleib nicht mehr klappen wird. Also immerhin schon mal Gelegenheit gehabt, das Elend vorzuverdauen.
Wieder ein Vorteil der eigenen Alterung: Während die jüngeren Menschen in meinem Umfeld einen sehr niedergeschlagenen Eindruck machten und teilweise nah am Wasser bauten, prallte der Schlag an denen, mit denen man den Fußball seit Jahrzehnten durchlebt, mehr oder minder ab. Schnell darauf geeinigt, dass dieser Abstieg nicht mal annähernd so schmerzt wie der in der Relegation 1991...
Es ist zwar über alle Maßen enttäuschend, wie diese Spielzeit lief, doch Wut geschweige denn Raserei kommt überhaupt nicht auf bei mir, überwiegt doch die Hoffnung, nun einen Schritt durch einen Schnitt machen zu können.
Natürlich muss ein neuer Trainer her, denn ein Festhalten an Blessin würde jeder aufkeimenden Aufbruchsstimmung ein jähes Ende bereiten. Ich mag den Mann eigentlich gern, fand den um Einiges sympathischer als seinen erfolgreicheren Vorgänger, aber dafür kannst du dir natürlich nichts kaufen im Profifussball.
Nüchtern betrachtet bleibt es dabei, dass die Vereine mit den kleinsten Etats wieder absteigen. Ob nun sofort oder nach zwei oder drei Jahren. Wenn keine großen Gelder von außen reingepumpt werden, du dich nicht in Gänze verkaufst an Investoren, haste letztendlich keine Chance auf langfristiges Etablieren.
Und nun? Wiederaufstieg? Erscheint momentan abwegig. So ziemlich alle, mit denen man sprach, wären schon froh, wenn ab August eine stabile Saison im oberen Mittelfeld gelänge und wir zumindest von Leiden verschont blieben, denn wir alle wissen, wie wenig beispielsweise Bochum und Kiel aufzutrumpfen vermochten zuletzt.
Das Pendel schlug zurück... nun muss es neu ausgelotet werden!
Noch Worte und Bilder vom "Alten":
Die gemeinen Spieltagebücher des João Marinho Neto
Sonnabend, 25.05.26
FCSP – Wolfsburg 1:3
Nun ist er da: Der Abstieg. Er kam nicht plötzlich und unerwartet. Hat sich lange vorher angekündigt, Schritt für Schritt konnte man ihm beim Näherkommen zusehen. Nun stand er direkt vor der Tür, und auch die wurde ihm gerne geöffnet. Hereinspaziert, du Arschloch, und denk ja nicht daran, die Schuhe abzuputzen.
Lange habe auch ich geglaubt, dass ihm irgendwann mal ein Bein gestellt wird. Der beschissene Elfer-Ausgleich gegen Köln war schon bitter as fuck, aber zumindest die Leistung gab berechtigten Anlass zur Hoffnung. Doch die beiden folgenden Partien, Heidenheim und Mainz, haben meinen Glauben an den Klassenerhalt pulverisiert. Was blieb, war nur noch die Hoffnung. Und die Liebe, aber diesen Bibelquatsch lassen wir jetzt mal. Die Hoffnung war heute gegen den direkten Konkurrenten da.
Und sie war real, zum Greifen nahe. Für genau sieben Minuten. Der Zwischenstand in Heidenheim – 0:2 – machte die Runde und kurz darauf erzielt Ceesay den Ausgleich. Ein Tor, ein einziges Tor, und der Abstieg wäre heute verhindert worden. Das Stadion steht Kopf, alle Tribünen helfen mit. Und dann ist er wieder da, der St.-Pauli-Moment. Der bis dahin beste Spieler, Nikola Vasilj, boxt den Ball… ins eigene Tor. Du denkst, du bist im falschen Film, aber so ist die Realität. Es ist wirklich sicher, dass die Tragik St. Pauli kennt.
Spätestens das 1:3 in der 80. Minute machte dann den Deckel drauf, das war allen klar. Ehrlich gesagt fasste mich das gar nicht mehr so an. Tief in meinem Inneren hatte ich mich schon nach dem Spiel gegen Heidenheim aus der 1. Liga verabschiedet. Wer sich mit seinem Schicksal abgefunden hat, der kann besser damit umgehen.
Das war mein fünfter Abstieg mit dem FCSP – eigentlich gar nicht so viele bei fast 40 Jahren. Aber vor dem Hintergrund, dass unser Verein nach dem letzten Abstieg sagenhafte 13 Jahre brauchte, um wieder hochzukommen, dabei auch noch mehrmals an der dritten Liga vorbeigeschrammt war, hat das schon ein gewisses Gewicht. Und das zieht einen runter.
Machen wir uns nichts vor: Langfristig gesehen ist die mit dem Aufstieg 2024 entstandene Hoffnung, die (finanzielle) Lücke zu den mittleren Clubs der 1. Liga allmählich schließen zum können, damit in so weite Ferne gerückt, dass ich das nicht mehr erleben werde. Die Lücke war immer schon da, in den 13 Jahren Zweitklassigkeit war sie immens gewachsen, das konnten wir in den letzten zwei Jahren bei jedem Spiel sehen. Wenn der Kaderwert aller Teams außer Heidenheim mindestens drei Mal so hoch ist, dann wäre das selbst bei einem Verbleib im Oberhaus eine Herkulesaufgabe gewesen. Aber jetzt wird die Lücke noch größer werden. Selbst wenn wir in zwei oder fünf Jahren wieder aufsteigen, stehen wir wieder und erst Recht vor dem Problem, dass uns Stürmer, die einen größeren Marktwert haben als der komplette Kader des FCSP, die Dinger reinhauen. Den seit Jahrzehnten bestehenden Traum, einmal, nur ein einziges Mal international zu spielen, leben andere, wir dürfen nur neidisch zugucken.
Das Saisonende, erst recht bei einem Abstieg, ist ein Zeitraum, um Bilanz zu ziehen, um alles zu analysieren und es bitte besser zu machen. Wer abgestiegen ist, hat Fehler gemacht, Unterschiede bei den finanziellen Ressourcen hin, knappe Entscheidungen auf dem Platz her. Es gibt eine Menge Fragen zu klären: Hat Bornemann die falschen Neuzugänge geholt? Welchen Handlungsspielraum hatte er? Warum haben sich so viele Leistungsträger im Lauf der Saison verschlechtert? Warum versagen wir beim Wichtigsten und Entscheidenden: Tore schießen und Tore verhindern? Warum hatten wir so viele verletzungsbedingte Ausfälle? Ist der FC St. Pauli zu wenig ins Risiko gegangen? Hat sich der Verein kaputtgespart? Generiert der Verein aus dem Sponsoring zu wenig, verglichen mit anderen Vereinen? Warum hat es kein einziger Jugendspieler ins Team geschafft? Warum ist die U23 abgestiegen?
All diese Fragen müssen die Verantwortlichen des FCSP beantworten und die entsprechenden Schlüsse daraus ziehen. Sie stehen in der Bringschuld, für die nächste Saison ein Team zusammenzustellen, das für die stets erstligareifen Fans nicht zu einer weiteren Enttäuschung wird.
Ich freue mich jedenfalls auf die Sommerpause und ein paar Wochen fußballfreie Zeit, die leider kürzer als sonst ausfällt, denn die 2. Liga fängt viel früher wieder an, schön mitten in den Sommerferien, Familien sagen danke. Und dann wieder Anstoß 13 Uhr, fantastisch. Nicht. Und spätestens, wenn wir nach 10 Spieltagen auf Platz 13 stehen, ist´s auch vorbei mit Sprüchen à la „2. Liga ist viel besser, da gewinnen wir wenigstens“.















