Berlin Boredom

Hauptstadt-Kolumne von Simone de Coupe

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3 | Berlin

Erstveröffentlichung in Kiezkieker #33 vom 28.04.2013

Berlin ist wirklich nicht mehr was es einmal war. Ich war letztens in einer Bar in Mitte in der mir für eine kleine Flasche Bier 3,50€ berechnet wurden. Noch vor wenigen Jahren wäre dies der Preis für eine Lokalrunde gewesen. Wer früher mit ein paar Fünfmarkstücken nach Berlin kam, der war King Louie in Spendierhosen. 7 Mark? Dafür konnte man eine Kellerbar in Friedrichshain nebst Mobiliar übernehmen. Wenn die Taschen beim Laufen vor lauter Kleingeld geklimpert haben, dann haben die Berliner mit dem Finger auf einen gezeigt und „Bonzenschwein“ in den Bart genuschelt. Berlin war so billig, dass die Russen hier Urlaub gemacht haben, und egal wie sehr man mit dem Geld um sich schmiss, es blieb immer etwas übrig. Punker sonnten sich mitten in der Stadt auf ausgebrannten Autos und aßen Hundefutter aus der Dose, Fenster und Türen wurden notdürftig mit altem Holz geflickt, und wer Miete zahlte, galt als Idiot. Wer früher nach Berlin kam, dem hat die Mutti Stullen für ein paar Tage eingepackt. Es wusste ja keiner, ob das Essen hier reicht. Und ganz mondän warf der Tourist die Stullen am Bahnhof Zoo verächtlich in den Mülleimer, wo sie ein hungriger Berliner wieder heraus fischte, und gönnte sich für eine Mark ein saftiges Steak im besten Restaurant der Stadt.

 

Unser hart verdientes Geld ist im Berlin der Moderne nichts mehr wert. Die Preise steigen ins unermessliche, ein Döner kostet bereits 2,50€ und für den allseits beliebten Futschi, ein ungenießbares Gemisch aus Weinbrand und Cola, wollen die Wirte dieser Stadt mehr als eine ganzen Euro kassieren. Schon an der Beliebtheit des Futschi lässt sich ablesen, wie arm die Stadt einst war. Dieses Gesöff wird in anderen europäischen Hauptstädten maximal noch am Monatsende unter den Brücken der Randbezirke konsumiert. Die steigenden Preise treiben auch den immer noch verarmten, aber weiterhin motivierten und passionierten Berliner Trinker mittlerweile in die Enge. Er ist an einem Punkt angelangt, an dem er es akzeptiert, wenn der Futschi zur Stabilisierung der Preise aus River Cola und Goldjunge Weinbrand gemischt wird.

 

Vorbei die Zeiten, in denen es in der Kneipe den edlen Futschi gab, den mit echter Cola und Mariacron. Zeiten, in denen sich der Trinker das beste Hemd bügelte und mit frisch geputzten Schuhen in die nächste Gaststätte einkehrte, um den Tag mit ein paar „guten“ Futschis ausklingen zu lassen. Mariacron, die heilige Mutter des gepflegten Suffs, hat die Alkoholiker dieser Stadt verlassen. Sie heisst jetzt Havanna Club und Cachaca und beglückt nur die, die gottlosen Preise bezahlen können. Diese coolen Menschen lachen verächtlich über stinkende Eckkneipen, in denen Menschen sich besaufen, um den fehlenden Sinn ihrer Existenz zu vergessen. Sie halten sich für etwas besseres, weil sie ein Getränk trinken, das sie auf einem Selbstfindungstrip in Südamerika kennen gelernt haben. Eine Reise, die eigentlich das innerste Selbst nach außen kehren sollte, jedoch zu dem ernüchternden Ergebnis geführt hat, dass da gar nichts ist und die vorhandene Leere auch genauso gut mit Alkohol aufgefüllt werden kann. Diese Erkenntnis gibt es allerdings auch billiger und umweltschonender vor der eigenen Haustür.

 

Der Sinn des Lebens lässt sich in Berlin jedenfalls genauso wenig finden wie Cantaluppadelavillarealsaragossa oder Chalakamourinhoguardiola. Aber überall können wir Menschen beobachten, wie sie nicht aufgeben wollen daran zu glauben und am Ende an der Theke landen, wo sie mit der Crux ihrer Reise und jeder erdenklichen Philosphie, die sich daraus ableiten lässt, in verbitterten Silben Leute belästigen, die sich einfach nur stumpf besaufen wollten. Es ist genau diese Mischung aus gleichgültigen Ohren und röhrenden Kehlen, die aus einer abgefuckten Kaschemme einen Schmuckkasten der Menschlichkeit macht. Wollen wir diesen Menschen diese kleinen, wenn auch gesundheitlich sehr fragwürdigen Oasen des Vergessens und Verarbeitens wirklich nehmen? Ich sage nein und bin für staatlich subventionierte Futschi und Bierpreise. Nieder mit dem Caipirinha! Auch arme Menschen haben ein Recht darauf, dieses erbärmliche Leben im Suff zu ertränken. Mit echter Cola.